Vogt Die Erfindung des Lichttonfilms I

aus Filmvorfuehrer, der freien Wissensdatenbank

I. Die Geburt der Tonfilmidee

Den ersten Kontakt mit dem Stummfilm hatte ich anlässlich des Schützenfestes in einem oberfränkischen Städtchen im Jahre 1905. Vor einem mit glitzernden Lampen geschmückten Zelt trieb ein knallender Motor einen Dynamo, das Ganze mit Girlanden bunter Glühbirnen bombastisch geschmückt. Das neueste Wunder der Technik, der "Kinematograph", war im dunklen Zeltinnern untergebracht. Die "lebenden Bilder" der Leinwand zeigten eine aufblühende, farbig kolorierte Rose und einige über das Schlachtfeld rennende und im Pulverdampf hinkriechende Soldaten des russisch-japanischen Krieges, der damals gerade tobte. Der fünfzehnjährige Bauernjunge war tief beeindruckt. Er konnte sich trotz allen GrübeIns keinen rechten Vers auf das Wie und Wodurch des Zustandekommens dieser sich bewegenden, zuckenden Fotografien und Schattenbilder machen.
Acht Jahre später. Die Hafenstadt Kiel. Der junge Mann von damals ist mittlerweile zur kaiserlichen Marine eingezogen worden. In der Erprobungsstelle der Marine für Radiotelegrafie wird er vertraut mit den von der AEG in Berlin hergestellten ersten Verstärkerröhren von R. von Lieben. Er sitzt in einem Kino in der Bergstraße. Ein schöner, hochdramatischer Film "Der Student von Prag" mit Paul Wegener läuft ab. Die Begleitmusik fehlt. Wie Gespenster bewegen die Schauspieler in den Großaufnahmen ihre Lippen. Die Bemerkungen des Erklärers verderben die Stimmung. Das müsste anders sein können! Er denkt an die in seinem Marine-Laboratorium manchmal bläulich aufleuchtende Verstärkerröhre. Verstärkerröhren, schallempfindliche Lichtquellen, fotografierte Töne ! Damit müsste es --unklar noch im einzelnen -- damit müsste es gehen ! Freilich, eine große Aufgabe, auf diesem Wege den stummen, lebenden Bildern die Sprache zu schenken! -
Diese Idee, durch Stellungsantritt, Hochzeit und Weltkrieg zwar zeitweilig unterdrückt, ließ ihn nicht mehr los, wurde für ihn ein Stück Lebensschicksal. Nach meiner Militärzeit trat ich 1913 in das kleine Hochfrequenzlaboratorium des Dr. Seibt in Berlin ein. Interessante Probleme, Telefone, Radiospulen usw. wurden bearbeitet. 1914 brach der erste Weltkrieg aus und verlangte den ganzen Mann. Bald war ich an der Wasser-, Luft- und Erdfront, bald wieder im Berliner Laboratorium tätig. Nachrichtenmittel für den Verkehr mit verschütteten Schützengräben mussten geschaffen und erprobt werden, Peilgeräte und Peilstationen für die wetteranfälligen Zeppeline. Das traurige Kriegsende kam. Der Frieden forderte andere Maßnahmen. Neues, anderes musste gedacht und geschaffen werden. Aber die alte Idee tauchte wieder auf und ließ mich nicht mehr los.
Ich kaufte zunächst eine gewöhnliche kinematographische Kamera bei der Firma Schrimpf in Berlin. Bei Professor Wehnelt im physikalischen Institut der Berliner Universität wurden unter Benutzung seiner Glühkathoden Glimmlampen erprobt. Ich ließ auch kleine Lampen mit dünnsten Fäden herstellen. Die Glühfäden dieser Lämpchen wurden mit dem 1000periodigen Wechselstrom des Generators eines Erdtelegrafiesenders gespeist, vor einen am Filmapparat angebrachten Spalt gesetzt und damit der dahinter gleichmäßig ablaufende Film belichtet. Entwickelt zeigte der Film helle und dunkle Streifen, die fotografische Fixierung von Wechselströmen erwies sich als durchführbar. Bei diesen Vorversuchen zeigte es sich aber bald, dass, wenn dieses Problem überhaupt gelöst werden sollte, es sehr viel gründlicher bedacht und angefasst werden musste; dass es über die Kraft eines einzelnen Mannes, noch dazu mit unzulänglichen Fachkenntnissen, weit hinausgehen würde.

Zurück - Inhalt - Weiter

(Deutsches Museum - Abhandlungen und Berichte - 32. Jahrgang 1964 - Heft2)
Mit freundlicher Genehmigung Deutsches Museum
Diese Seite steht nicht unter der GNU Freie Dokumentationslizenz. Eine Weiterveröffentlichung ist ohne Genehmigung des Rechteinhabers nicht erlaubt

'Persönliche Werkzeuge