Vogt Die Erfindung des Lichttonfilms IV
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IV. Filme, Vorführungen und die ersten Beurteilungen
Nachdem die erforderlichen, für die Bildtonfilme neu geschaffenen Apparaturen beschrieben und durch Bilder veranschaulicht worden sind, soll das folgende Kapitel etwas über das Werden des Tonfilmes selbst, über die Ateliers, die Sujets, die Aufnahmemethoden, die Vorführungen der Filme und schließlich die Urteile der Zeitgenossen bringen.
Wie schon bei der Beschreibung der Apparaturen angedeutet worden ist, wurden die ersten fotografischen Aufzeichnungen auf einen Normalfilm mit dem "Galgen" (Abb. 20) gemacht. Dieses Monstrum stand auf einem Tisch im großen Laboratoriumsraum in der Babelsberger Straße. Bei der Aufnahme wurden zunächst die Rolläden der Fenster heruntergelassen, der Raum verdunkelt, dann die jeweils zu erprobende "trägheitslose" Lichtquelle, Zylinderlinse und Spalt sicherheitshalber noch mit einem schwarzen Tuch überdeckt, hierauf die gefüllte Kassette eingelegt, Mikrophon und Verstärker eingeschaltet, der Film zum Ablaufen ge- bracht, ein paar Worte ins Mikrophon gesprochen; die Aufnahme war durchgeführt! Die eigentlichen filmtechnischen Arbeiten wurden anschließend vorgenommen. In diesem ersten Stadium unserer Versuche wurde nur das schwach entwickelte Negativ für die Wiedergabe benutzt. Anfang und Ende desselben wurden zusammengeklebt und in den nunmehr als Wiedergabeapparat umgebauten "Galgen" eingelegt. Der Film, vom Lichtbogen der Quecksilberdampflampe beleuchtet, lief an dem in seiner Breite regelbaren Spalt vorbei. Der vom Film gesteuerte, den Spalt durchdringende und in seiner Intensität von den Schwingungen des laufenden Films variierte Lichtstrom fiel in die dahintergebrachte Selenzelle, erzeugte in derselben Stromschwankungen, die einem zunächst notdürftig aus alten Militärröhren zusammengebastelten Verstärker zugeführt wurden. Zur akustischen Kontrolle der Wiedergabe diente ein großes, an den Verstärker angeschlossenes Posttelefon.
Bei den ersten Versuchen mit dieser Anordnung nahmen wir nur ein Brausen und Brodeln wahr. Wann die ersten vom Mikrophon aufgenommenen Schallvorgänge in dem allgemeinen Rauschen wahrgenommen wurden, vermag ich nicht mehr genau zu sagen. Von Woche zu Woche wurden die Nebengeräusche geringer, die übers Mikrophon gegebenen Laute hörbarer.
In meinem Tagebuch befindet sich aber unter dem 22. Februar 1920 der Hinweis, daß andiesem Tag das Wort "Milliampere" und Klänge einer Mundharmonika im Kopfhörer von uns Erfindern deutlich gehört wurden.
Schon einige Monate später, und zwar am 29. Juni 1920, ertönte aus dem Posttelefon des "sprechenden Galgens" bald als Kinder-, bald als Männerstimme, je nach der Schnelligkeit unseres Antriebsmotors, ununterbrochen der Satz: "So spricht der sprechende Film."
Voll Feuereifer wurde weiter geforscht, entwickelt, gezeichnet, konstruiert und gebaut. Der Arbeitstag währte zehn, zwölf, oft fünfzehn Stunden. Manchmal wurde, wenn die letzte Bahn gefahren war und es sich für die in den Vororten Wohnenden überhaupt nicht mehr recht lohnte, Heim und Bett aufzusuchen, einfach auf Werkbänken oder Laboratoriumstischen genächtigt.
Es war eine großartige Zeit, in der wir, gleich Pionieren der Wildnis, in unbekanntes technisches Neuland vorstießen. Keiner von uns allen, die damals dabei waren, wird diese harten und doch so schönen Jahre von 1919 bis 1921 in seinem Leben missen mögen.
Der "Galgen" war, wie schon früher erwähnt, mittlerweile von der "Kirche" abgelöst worden. Alle inzwischen gemachten Einzelerfindungen: Ultrafrequenzlampe, Projektionssystem, verbesserter Filmtransport, photoelektrische Zelle, fanden bei ihrem Zusammenbau BerÜcksichtigung; nachdem auch das Kathodophon mit einem guten Verstärker bei der Aufnahme benutzt wurde, mußte eine deutlichere, reinere Tonwiedergabe erwartet werden können. Tatsächlich trat dies auch ein. In meinem Tagebuch findet sich unterm 14. Februar 1921 abends 11 Uhr folgende Eintragung: "Sprache, Händeklatschen, Mundharmonikaspiel wurde gut wiedergegeben." Nachdem dies Experiment gezeigt hatte, daß die Tonaufnahme und -wiedergabe gut vonstatten ging, wagten wir uns an die Herstellung kombinierter Filme, also eines separaten Bild- und eines separaten Tonfilmes. Der Tonfilm war doppelt so lang wie der Bildfilm, lief also doppelt so schnell wie der Bildfilm; aber dank der Perforationslöcher in den Filmen war es möglich, volle Synchronität, also zeitlich genaues Zusammenfallen von Ton- und Bildvorgang zu erzielen. Wir hielten die schnellere Bewegung des Tonfilms aus Gründen der deutlicheren Wiedergabe der Konsonanten und der ObertÖne für notwendig, da das dabei benutzte optische Abbildungssystem noch nicht die endgültige Form besaß, also noch nicht die erforderliche haarscharfe Abbildung der Lichtänderungen gestattete.
Nach einigen Probefilmen, in denen die Erfinder selbst agierten, gelang uns schließlich die Aufnahme der Sprechkünstlerin Friedel Hintze. Am 26. Februar 1921, nachts 1/2 1 Uhr, führten wir uns in unserem Laboratorium diesen unseren ersten "sprechenden Film", also Ton und Bild in zeitlich völliger übereinstimmung, vor. Die Künstlerin, in Großaufnahme, sprach das Gedicht "Sah ein Knab ein Röslein stehn" von Johann Wolfgang v. Goethe. Trotz der damals noch unvollkommenen Schall- wiedergabemittel war doch die Illusion, daß der lebensgroße Kopf vorn luf der Leinwand wirklich spricht, vollkommen. Entspannt und glücklich saßen wir auf den Zuschauerstühlen. Jetzt konnte am endgültigem Erfolg nicht mehr viel fehlen, glaubten wir harmlosen Erfinder damals.
Wenn beim "Heiderösleinfilm", wie er bald in unserem Kreis genannt wurde, Ton- und Bildvorgänge auch noch auf getrennten Filmbändern aufgezeichnet sind, muß man ihn doch als den ersten brauchbaren Lichttonfilm der Welt bezeichnen. Der Ton ist fotographisch festgehalten, die Synchronität vollkommen. Mir ist aus der Literatur nicht bekannt, daß etwas Gleichartiges irgendwo vor uns von Dritten gemacht wurde.
Nachdem, wie früher schon erwähnt, vermittels des "Galgens", der "Kirche", der "Eisenkiste" die ersten kleinen labormäßig hergestellten Filme uns die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges zeigten, mußte auch daran gedacht werden, längere, sozusagen publikumsreife Bildtonfilme herzustellen, um zu erfahren, wie normale Kinobesucher unsere Erfindung aufnehmen werden.. Die Durchführung dieses Planes erforderte aber bessere und technisch perfektere Apparate, größere, auch akustisch geeignetere Aufnahmeateliers, eine eigene Entwicklungs- und Kopieranstalt und schließlich geeignete Sujets für den neuartigen Lautfilm; auch mußte ein passendes größeres Vorführungskino in Berlin mit einer guten Raumakustik ausfindig gemacht werden. Eine weitere Riesenaufgabe kam auf die drei Männer zu. Auch sie wurde angenommen und bewältigt.
In der Köpenicker Straße im Berliner Osten wurde eine größere Werkstatt für Projektoren und "Statophone" eingerichtet, ein Filmatelier auf dem Dach eines Hauses in der Friedrichstraße wurde durch Einhängen gemieteter Kartoffelsäcke akustisch brauchbar gemacht, im "Hause der Zahnärzte" am Nollendorfplatz eine Entwicklungs- und Kopieranstalt eingerichtet und etwas später der große und nebengeräuschfreie Sitzungssaal desselben Gebäudes sowohl als zweiter, verbesserter Aufnahmeraum wie auch als Vorführungskino brauchbar gemacht.
Die Abb. 27 zeigt einen Ausschnitt des mit Kartoffelsäcken akustisch gedämpften Tonfilmateliers. über den Aufnahmeapparat wurde vorläufig ein schallisolierender Kasten gestülpt, um die Apparategeräusche von der Szene fernzuhalten. Beim Einlegen der Filme wurde die obere Hälfte mit einem Flaschenzug hochgezogen. Kathodophon und Verstärker sind rechts davon zu sehen, ebenso die in einem Kasten befindliche, aus achthundert Taschenlampen-Trockenelementen aufgebaute Hochspannungsbatterie für das Endverstärkerrohr und die Ultrafrequenzlampe. Im Hintergrund verdecken die erwähnten schallschluckenden Kartoffelsäcke die Aufnahmeszene.
In diesem Atelier in der Friedrichstraße konnte nun frisch-fröhlich aufgenommen werden. Ein Zweistundenprogramm, das wir für die bevorstehende Premiere benötigten, war zu schaffen! Alle nur denkbaren Lautquellen sollten darin vertreten sein, um den Zuhörer die universale Brauchbarkeit unserer Erfindung zu demonstrieren. Sprache, Gesang, alle Instrumente von der Drehorgel bis zum Streichtrio, Lustspiel und Drama wurden aufgeboten, kurz jedem sollte auch künstlerisch etwas geboten werden. Es war nicht leicht, so verschiedene Sujets ausfindig zu machen, aufzunehmen und zu einem passenden Premierenprogramm zusammenzufassen. Doch es gelang, wie man aus der Abb. 28, die das Originalprogramm zeigt, sehen kann, auch die Herstellung der erforderlichen Kopien. Am Sonntag, dem 17. September 1922, vormittags 11 Uhr -- sollte in dem Kinopalast "Alhambra" am Kurfürstendamm die Welturaufführung des Triergon-Tonfilmes vonstatten gehen. Die Filmkopien lagen parat und waren in unserem Vorführungsraum in der Köpenicker Straße erprobt worden. In diesem Uraufführungskino mit tausend Plätzen -- inzwischen leider auch durch Bomben zerstört -- konnten wir mit Inseren Apparaten aber erst zwei Tage vor dem 17. September mit Probevorführungen beginnen. Eine neue Sorge tauchte auf: Wird die Lautstärke, das erzielbare Schallvolumen ausreichen, diesen großen Raum zu füllen? Schon beim leeren Saal war unsere Schallwiedergabe zu schwach, wie sollte es erst bei gefülltem Saal werden ? -- Nach unserer aller Ansicht konnte die Situation nur gerettet werden durch Vergrößerung der Ausgangsleistung unseres Verstärkers, was durch behelfsmäßiges Parallelschalten einer zweiten Endverstärkerröhre möglich gewesen wäre. Aber eine zweite Endverstärkerröhre, wie sie Abb. 7 zeigt, fehlte; woher sie nehmen? In dieser prekären Situation entschloß sich Massolle, mit seinen Männern in der Köpenicker Straße ein solches Ding in Tag- und Nachtarbeit bis zum Vorführungsbeginn herzustellen. Gesagt, getan! Freitag abend wurde damit begonnen: Glimmerscheiben gestanzt, Gitterrahmen angefertigt und mit Draht bewickelt, Anodenbleche gebogen, Einschmelzstutzen gemacht, das System daraufmontiert und in einen Glasballon eingeschmolzen, an die Vakuumpumpe angesetzt, erwärmt, evakuiert, bis die letzten an den Metallen haftenden Gasspuren entfernt waren, gemessen, abgeschmolzen und schließlich gesockelt. Tatsächlich, am Sonntagvormittags -- das Premierenpublikum füllte schon das Foyer -- kam ein Bote mit dem kostbaren Ding angefegt. Die Röhre wurde in die vorbereitete Fassung eingesetzt -- zum Probieren des geänderten Verstärkers war der sich füllenden Plätze wegen keine Zeit mehr --. Der Film lief an, die Beschallung des Raumes war gut und ausreichend und, wieder Glück über Glück, das erste, unter unendlichen Mühen apparate- wie filmmäßig von uns zusammengezauberte Zweistunden-Programm lief ohne jede Panne ab. -- Ich glaube, der Angstschweiß stand uns noch auf der Stirn, als wir, überlegene Ruhe heuchelnd, den überreichen Beifall des begeisterten Premierenpublikums, die Gratulationen unserer Bekannten und der Berliner Prominenz entgegennahmen.
Die akustisch gute, wenn auch nicht übermäßig laute Wiedergabe und vor allem die vollendete Synchronität zwischen Lippenbewegung und Schallvorgang mußten alle Anwesenden davon überzeugen, daß sich in dieser Stunde in der Geschichte der Kinematographie etwas Außerordentliches ereignet hatte, daß zur optischen Dimension des Filmes nun auch die akustische hinzugetreten war.
Es wird Ihnen, lieber Leser, heute sicher genausoviel Spaß machen wie mir, eine kleine Blütenlese der Urteile unserer damaligen Zeitgenossen, in Hunderten von Zeitungsausschnitten erhalten geblieben, vorgelegt zu bekommen. Vorweg ist zu sagen, daß das große Publikum und die Techniker restlos begeistert waren, die Filmleute sauersüße Mienen machten, die Filmindustriellen und Kinobesitzer aber begreiflicherweise den Tonfilm ablehnten.
Einige charakteristische Presseurteile seien hier auszugsweise wiedergegeben; nur das gerecht und sachlich wertende Urteil der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 18. September 1922 sei des geschichtlichen Interesses wegen als Photokopie (Abb. 29) beigefügt.
Nun noch die negativen Ansichten der angesehensten Berliner Blätter jener Zeit:
"Berliner Lokalanzeiger" vom 25. September 1922, (der Universumfilm AG. nahestehend)
...Es muß offen ausgesprochen werden, daß eine Revolutionierung der Lichtspielkunst, eine Umstellung von dieser Erfindung nicht in Frage kommt. Der sprechende Film als abendfüllender Ersatz unserer Stummfilme ist etwas, was scharf und energisch abzulehnen ist... --ar--
"Berliner Börsenzeitung" vom 18. September 1922 ...Inwieweit aber wirklich dem Sprechfilm die Zukunft gehört, bleibt abzuwarten. Man darf nicht vergessen, daß der sprechende Film seine Internationalität verliert, er wird immer auf kleinere Werke beschränkt bleiben müssen, da Großfilme nur auf dem Weltmarkt amortisiert werden können. D.O.
"Die Lichtbildbühne" vom 23. September 1922 ...Die Filmkunst darf den akustischen Film nie beachten; denn des künstlerischen Filmes Wesenheit und Hauptstärke liegt -- in seiner Stummheit... Heinrich Fraenkel
Die Zeitschrift "Der Lichtspielbesitzer" ...ist überzeugt, daß für den normalen Spielfilm die Erfindung von keinerlei Einfluß sein wird.
Wie man sieht, gehen die Ansichten von der begeisterten Lobpreisung der deutschen Allgemeinen "Zeitung" und der Laien bis zur völligen Ablehnung der am Stummfilm geschäftlich interessierten Kreise.
Unter den kritischen Urteilen erschien uns aber besonders eines sehr ernst und des Nachdenkens wert zu sein. Der sprechende Film war im Gegensatz zum Stummfilm aus simplen Sprachgründen nicht mehr international verwertbar, und größere Filme rentieren sich ja bekanntlich nur, wenn sie in fast allen Ländern ausgewertet werden können. An diese zweifellos beträchtliche Schwierigkeit hatten wir drei Techniker nicht gedacht.
Aber: "Was der Verstand der Verständ'gen nicht sieht, das findet in Einfalt ein kindlich Gemüt." Meine Frau war es, die hier einen guten Gedanken hatte und ihn mir einmal abends auf der Straße auf dem Nachhauseweg von einem Kinobesuch offenbarte. Sie schlug vor, die Sprachschwierigkeiten dadurch zu überwinden, daß zukünftig von jeder Bildtonfilmszene im Atelier hintereinander Aufnahmen in mehreren Idiomen, in den hauptsächlichsten Kultursprachen, gemacht werden sollten, d.h. je nach dem Sprachgebiet, in welchem der zu drehende Film später laufen soll, wären von der gleichen Szene entweder von den gleichen oder von neu hinzugenommenen, das betreffende Idiom beherrschenden Schauspielern zusätzlich Aufnahmen in den in Frage kommenden weiteren Sprachen zu machen. Auf diese Art entstünde dann in einfachster Weise gleichzeitig und verhältnismäßig billig mit dem Film in der Originalsprache eine oder mehrere anderssprachige "Versionen". Ihr Einfall, von mir dem Patentamt richtig serviert, führte zu dem DRP 441 108 vom 7. September 1923. Dieses Patent, in der Filmindustrie unter dem Namen "Gisela"-Patent bekannt, bekam beträchtliche filmische und wirtschaftliche Bedeutung.
Nachdem die den Markt beherrschende Filmindustrie, ebenso wie die Elektroindustrie, sich am Tonfilm desinteressiert gezeigt hatten, war guter Rat für die Erfinder, die sich wirtschaftlich in der schlechtesten Situation befanden, teuer. Sie hofften, ihre Erfindungen wenigstens in anderen Zweigen auswerten zu können, erfanden noch ein Verfahren, um verbesserte Schallplatten herstellen zu können (DRP 391 566 und 391567), luden in die Singakademie am 4. Mai 1923 zu einem sogenannten "Fernkonzert" (siehe Abb. 30) ein, eine Art Vorläufer des "Radios", um die Güte ihrer Apparate zu demonstrieren und zu bewirken, daß ihre zahlreichen Erfindungen wenigstens bei der im Kommen befindlichen "drahtlosen Telephonie" mit benutzt und verwertet werden.
Zur Charakterisierung der Zeitsituation will ich noch eine kurze Unterhaltung wiedergeben, die ich mit dem damaligen Generaldirektor einer der großen Elektrofirmen, der auch unsere Arbeiten mitfinanzierte, hatte. Ich regte bei ihm an, doch unsere Schaltungen und Lautsprecher für den Bau von Empfangseinrichtungen für drahtlose Telephonie -- heutzutage würden wir Radioapparate sagen -- zu verwenden. Ich schwärmte ihm vor, welch ein phantastisches Geschäft dies werden müßte, wenn jedes Haus sich so eine Empfangsanlage für drahtlose Telephonie anschaffen würde, etwas, was sozusagen effektiv eingetreten ist. Der aufmerksam zuhörende Generaldirektor klopfte mir väterlich auf die Schulter und sagte wohlwollend etwa Folgendes: Mein lieber, kleiner Vogt, Sie mögen ein tüchtiger Erfinder sein, aber vom Geschäft verstehen Sie so gut wie nichts. Ich gebe zu, daß solch eine Empfangsanlage, wie Sie dieselbe schildern, als Fabrikationsobjekt meine Firma schon interessieren, wahrscheinlich auch bei Gasthäusern usw. einen guten Absatz finden würde, sofern von irgendwoher Musik geliefert wird. Hier nun, lieber Freund Vogt, hat die Sache ihren Pferdefuß. Die akustischen Veranstaltungen auf der Sendestation werden viel Geld kosten. Durch die Antennen werden diese "Musikströme" beim Dach hinausgeschickt. Empfangen kann sie jeder, denn die drahtlosen Wellen breiten sich ja nach überall hin aus. Wer wird für etwas, was frei wie Luft und Licht in sein Haus dringt, gutes Geld aufwenden ? Deswegen, lieber junger Freund, ist das Ganze ein Phantasieobjekt und geschäftlich nicht durchführbar ." Damit war ich entlassen. Von maßgebender Seite war das Urteil über die "Fernkonzerte" gesprochen worden. Wir waren wieder um eine Illusion ärmer.
Ein paar Jahre später löste allerdings Staatssekretär Hans Bredow mit Hilfe der Post durch Rundfunkgesetze und -gebühren diese Seite des Problems. Damit war auch in Deutschland die Bahn frei für die großen Unternehmungen der Rundfunksender und der Radioindustrie.
(Deutsches Museum - Abhandlungen und Berichte - 32. Jahrgang 1964 - Heft2)
Mit freundlicher Genehmigung Deutsches Museum
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