Vogt Die Erfindung des Lichttonfilms V
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V. Das geschäftliche Geschehen und das Ende des Triergons
Das bisher Gesagte dürfte vorwiegend das Interesse der Techniker und der Männer vom Film gefunden haben. In diesem Kapitel soll die geschäftliche Seite der Erfindung behandelt werden. Im planmäßigen technischen Schaffen der Erfinder löste ein Erfolg den anderen ab. Geschäftlich gesehen war die Riesenarbeit für die drei Männer ein glatter Mißerfolg, wie nachfolgend gezeigt wird.
Ich hatte mir durch technische Arbeiten etwas Geld gespart. Diese Mittel erlaubteil uns, zunächst freiberuflich das Problem zu bedenken, eine Zeitlang mit unseren Familien zu leben, unsere Tonfilmgedanken in einer Reihe von Patentanmeldungen niederzulegen.
Zur Weiterfinanzierung fanden wir in den Direktoren der Firma C. Lorenz AG. eine Geldgebergruppe. Mit ihnen zusammen gründeten wir am 1. Juli 1919 das "Laboratorium für Kinematographie" in Berlin. Die Geldgeber stellten 125 000 Mark zur Verfügung. Am Gewinn waren sie und die Erfindergruppe zu je 50% beteiligt. Die Inflation in der Nachkriegszeit entwertete diese Mittel zusehends, immer neue Einschüsse der Kapitalisten waren notwendig. Am 3. Juni 1920 wurde der Geldgeberanteil auf 325 000 Mark, am 30. September 1920 auf 445 000 Mark und am 18. November 1920 auf 960 000 Mark erhöht. Der Anteil der Erfinder ging sukzessive herunter und betrug am 18. November 1920 nur noch 32%. Am 18. April 1921 -- fünfter Vertragsnachtrag -- war das eingebrachte Kapital schon auf 1 665 000 Mark angewachsen und die Beteiligung der Erfinder auf 28% gesunken. Am 31. Oktober 1921 erhielt das Laboratorium von der Firma C. Lorenz ein Darlehen von 300 000 Mark. Nach dem sechsten Vertragsnachtrag (10. Januar 1922) betrug das Kapital schon 3 000 000 Mark, der Anteil der drei Erfinder dagegen nur noch 25%, d.h. für jeden 8 1/3%. Am 20. April 1922 gab die Geldgebergruppe dem "Laboratorium für Kinematographie" ein neues Dar- lehen von 450 000 Mark und am 6. Oktober 1922 ein weiteres von 6 750 000 Mark. Das Gewinnbeteiligungsverhältnis von 75 : 25 blieb bestehen. Ein Pfund Butter kostete beim damaligen Stand der Inflation etwa 1 Million Mark.
Die geschäftliche Verwertung der Erfindung oblag den Direktoren der Firma C. Lorenz. In der Generalversammlung vom 24. November 1922 berichtete der Generaldirektor dieser Firma, daß die Filmgesellschaften gegenüber der Erfindung eine feindliche Einstellung eingenommen hätten, und die großen Elektrokonzerne seien demzufolge auch nicht an der Sache interessiert. Das war eine wahre Hiobsbotschaft für die Erfinder. Die Fortsetzung unseres Lebenswerkes war in Frage gestellt.
In dieser Notlage interessierte sich, aufmerksam gemacht worden durch seinen Neffen Dr. Erich Fischer, ein Rechtsanwalt Dr. Arthur Curti in Zürich an der Triergon-Erfindung und ihren Möglichkeiten. Er ließ uns wissen, daß er bereit sei, den ganzen Erfindungskomplex zu erwerben. Am 5. Juni 1923 wurde der gesamte Erfindungskomplex mit allen Apparaturen, den In- und Auslandspatenten usw. gegen eine Zahlung von 1 000 000 Schweizer Franken und einer Beteiligung von 10% an den Bruttoeinnahmen an eine von Dr. Curti in der Schweiz gegründete Triergon AG. übertragen. Dr. Curti beauftragte die Erfinder mit der Fortsetzung der Arbeiten und schloß mit ihnen Anstellungsverträge mit einem Monatsgehalt von je 1000 Schweizer Franken sowie einer kleinen Beteiligung. 1924 konnte er nicht mehr zahlen, versprach den Erfindern eine 20%ige Beteiligung an seinen Gewinnen, wenn sie weiterarbeiten und die Versuchsarbeiten mit ihren eigenen Mitteln weiter finanzierten.
Notgedrungen und aus Liebe zu ihrem Werk willigten sie ein und verloren damit später auch alle Barmittel aus ihrer Beteiligung.
Die Schweizer Triergon AG. schloß 1925 mit der Universum Film AG. (Ufa) in Berlin einen Lizenzvertrag. Die Ufa drehte einen Tonfilm: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern". Dieser Film wurde aus einer Reihe von organisatorischen, und sonstigen unübersichtlichen Gründen ein technischer Mißerfolg, der dazu führte, daß die Ufa diesen Lizenzvertrag 1926 kündigte und sich damit am sprechenden Film zunächst desinteressierte.
Nun schien es, als habe der tönende Film endgültig ausgespielt, jedenfalls zunächst in Deutschland, wo der weitblickende Wirtschaftler und Organisator fehlte, der die enormen geschäftlichen Chancen sah, die in den Erfindungen der drei Männer steckten. Aber es kam bald anders. In Amerika hatten die führenden Leute der vor Zahlungsschwierigkeiten stehenden Filmfirma "Warner Brothers" die Chancen erkannt, die die Elektroakustik für die Herstellung verbesserter Schallplatten geschaffen hatte. In Verbindung mit einem amerikanischen Elektrokonzern stellten sie die "Vitaphone"-Filme her, Tonfilme, bei welchen der Ton zum Bildfilm von einer riesigen Schallplatte, mit komplizierten Vorrichtungen angetrieben, geliefert und über Verstärker und Lautsprecher übertragen wurde. Der erste dieser Filme hieß "Singing Fool" mit dem Jazzsänger Al Jolson und war ein Riesenerfolg in Amerika. Er ebnete dort die öffentliche Meinung für den tönenden Film. Der Filmindustrielle William Fox witterte diese neue Geschäftschance, die die Fortschritte der Tonwiedergabetechnik eröffnet hatten, und hatte nichts Eiligeres zu tun, als von der enttäuschten und geldlich darniederliegenden Triergon-Gesellschaft in Zürich gegen Barzahlung von 200 000 Schweizer Franken und ein kleines Aktienpaket seiner neu zu gründenden amerikanischen Gesellschaft die gesamten amerikanischen, auf den Lichttonfilm sich beziehenden Triergon-Patente zu erwerben. Diese Einnahme versetzte die Züricher Tri-Ergon-AG. in die Lage, den Erfindern eine letzte Abfindung von je 21 000 Reichsmark zu zahlen und damit war den Triergon-Männern ihr Lebenswerk wirtschaftlich endgültig entglitten.
Von dem, was nun geschah, sei zur abrundenden Beurteilung nur noch folgendes erwähnt:
Die amerikanischen Erfolge, insbesondere auch der Film "Singing Fool", der in Berlin 1928 auftauchte, zwangen die deutschen Filmgrößen, ihr Urteil über den sprechenden Film innerhalb sehr kurzer Zeit zu revidieren. Am 13. August 1928 wurde mit einem Kapital von 12 000 000 Rentenmark die Tonbildsyndikat AG (Tobis) in Berlin gegründet, in die von den Schweizern auch die Triergon-Patente eingebracht wurden. Kurz danach, am 8. Oktober 1928, gründeten die Firmen AEG und Siemens die Klangfilm GmbH. Am 3. März 1929 vereinigten sich Tobis und Klang film zu einer Art Interessengemeinschaft. Der Patentkrieg mit den außerdeutschen Firmen, insbesondere mit den Amerikanern, wurde am 22. Juni 1930 in Paris durch eine regionale Aufteilung der Arbeitsgebiete beigelegt.
Bezüglich des persönlichen Schicksals der Erfinder ist kurz das Folgende zu erwähnen:
Engl emigrierte nach Amerika und starb dort 1943, Massolle verstarb krank und verarmt in Berlin 1953. Nur ich bin übriggeblieben und führe gesund und mit meinem Schicksal zufrieden im Kreise meiner Familie und meiner Mitarbeiter im Bayerischen Wald ein lebenswertes Dasein.
Nichts dokumentiert den für uns Erfinder so unglücklichen wirtschaftlichen Ausgang dieser langen, erfolgreichen technischen Arbeit wohl so anschaulich wie die Aufnahme eines Schrotthaufens von Teilen der von uns einmal mit aller Liebe geschaffenen Apparaturen (Abb. 31).
(Deutsches Museum - Abhandlungen und Berichte - 32. Jahrgang 1964 - Heft2)
Mit freundlicher Genehmigung Deutsches Museum
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