Vogt Die Erfindung des Lichttonfilms Vorwort

aus Filmvorfuehrer, der freien Wissensdatenbank

Die vorliegende Niederschrift für die "Abhandlungen und Berichte des Deutschen Museums" ist eine gekürzte Überarbeitung der 1954 als Privatdruck einem Kleinen Kreis zugegangenen Arbeit über das gleiche Thema. Ich will damit gewisse zeitbedingte Publizitätsversäumnisse der Erfinder nachträglich gutmachen und unter Verwendung des erhalten gebliebenen Dokumentationsmaterials den Nachweis führen, dass der Lichttonfilm in seiner noch gegenwärtig gültigen Gestalt schon im Jahre 1922 als eine fertige technische Schöpfung vorlag, drei deutschen Filmaußenseitern (Engl, Massolle, Vogt) zu verdanken ist und nicht, wie das grosse Publikum allgemein annimmt, als eine außerdeutsche Erfindung betrachtet werden darf.
Ich bin daher dem Deutschen Museum besonders dankbar, dass es sich entschloß, diese Arbeit in den Rahmen seiner Abhandlungen und Berichte aufzunehmen und so seinen Mitgliedern und allen am Werden grosser Erfindungen Interessierten authentisches Material zugängig zu machen, zumal doch das dem Museum übergebene Material an Apperaturen, Filmen etc. aus zeitbedingten Gründen verhältnismässig unvollständig blieb.
Den nachfolgenden Zeilen sowie Bildern kann der Leser entnehmen, wie, gewissermasen aus dem nichts heraus, - eine Elektroakkustik gab es damals (1919) kaum- , allerdings einer klaren und richtigen Grundidee folgend, rasch Teil um Teil unter den Händen der Erfinder entstand und innerhalb von ein paar Jahren der Lichttonfilm als Fertiges, Brauchbares, Reifes, als das Ergebnis eines erfoglreich durchgeführten "teamwork", von den Mitmenschen bestaunt werden konnte.
Der Inhalt des kleinen Buches ist natürlich primär technisch. Aber als ein authentischer und in seinem Rahmen möglichst vollständiger und nicht nur die Fachleute angehender Beitrag zur Geschichte der menschlichen Technik soll auch auf die interessanten Nebenumstände eingegangen werden, die fast immer mit dem Werden großer Erfindungen und ihrer Urheber zusammenhängen und einen breiteren Leserkreis interessieren.
Es soll also auch auf die Zeit in der die Erfindung entstand, auf die Finanzierung, Patentierung, die Besitzverhältnisse, auf den ersten glänzenden Erfolg, das Drama ihrer Auswertung und ihr erstes Wirksamwerden in der großen Öffentlichkeit ebenfalls eingegangen werden. Dabei wird eine wahrheitsgetreue Schilderung des Geschehens den Autor zwingen, manchmal mehr als ihm lieb ist, pro domo zu sprechen; der freundliche Leser möge das über die eigene Person zu Erwähnende als vom Ganzen her erforderlich verstehen und die dahinter zu vermutende hohe Meinung von der eigenen Tüchtigkeit milde beurteilen. Besonders gern würde ich das Bändchen in den Händen der Fachleute, der Tonfilm- und Radiomänner von heute sehen, jener Männer, die in der heutigen Elektroakustik arbeiten und von ihr leben. Ich glaube, gerade für sie müsste ein Blick in die Früh- und Pionierzeit (1920 bis 1923) ihres inzwischen hochdifferenziert gewordenen Fachgebietes interessant sein; sind doch sie vor allem in der Lage, unsere technischen Leistungen richtig zu beurteilen. Aber auch unser technischer Nachwuchs, in den heutigen technischen Bildungsstätten mehr und mehr auf Spezialistentum und rasches Geldverdienen gedrillt, müsste, so glaube ich, einen Heidenspaß an dieser Geschichte von den drei jungen Burschen haben, die in politisch sehr traurigen Zeiten in einem Kohlenkeller eine Riesensache in Angriff nahmen und erfolgreich durchführten, eine Sache an die, damals wie heute, millionenschwere Konzerne nur sehr zögernd herangegangen wären. Ich bin sicher, sie entnehmen meiner gut dokumentierten Schilderung auch, dass zum technischen Erfolg nicht nur fachmännisches Wissen, sondern in wahrscheinlich noch stärkerem Maße Phantasie, --und zwar wirklichkeitsnahe Phantasie --, der Blick fürs Ganze, der Mut der Jugend und eine zähe Durchhaltekraft gehören.
Auf die Entstehung des reinen Bildfilms, den Vorläufern des "sprechenden" Films, kann ich hier aus Platzmangel auch nicht andeutungsweise eingehen. Wer sich hier orientieren will, findet in dem ausgezeichneten Buch von F. Zglinicki "Der Weg des Films"*) ein Riesenmaterial.
Wenn schließlich dieser Bericht auch in die Hände alter, noch lebender Freunde, Mitarbeiter, Helfer oder Kritiker aus jenen aufgeregten Zeitläufen des Auftauchens der ersten akustischen Filme gelangen sollte und sie meine Arbeit als eine redliche, den Tatsachen gerecht werdende Beschreibung der wesentlichsten Vorgänge jener Tage beurteilen würden, wäre dies nachträglich noch eine Anerkennung für mein Bemühen.
Zum Schluss noch meinen Dank all denen, die am Zustandekommen dieser Arbeit beteiligt waren.
Erlau bei Passau, 1964

Dr. h. c. Hans Vogt

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(Deutsches Museum - Abhandlungen und Berichte - 32. Jahrgang 1964 - Heft2)
Mit freundlicher Genehmigung Deutsches Museum
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