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Sam

Capitol Frohnau

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An diesem Wochenende feiert Frohnau - ganz oben im Berliner Norden; in Zeiten der Teilung an drei Seiten von der Mauer umgeben - sein hundertjähriges Bestehen. Netter Vorort, viel Grün, nur "krumme" Straßenzüge - damit der Blick auf möglichst viel Grün fällt (http://www.tagesspiegel.de/zeitung/im-norden-ganz-oben/1862054.html).

 

Woran sich wohl so richtig heute keiner mehr erinnert: Frohnau hatte auch einmal ein Filmtheater - das Capitol Frohnau. Erbaut 1938 am Ludolfingerplatz 6 von Fritz Henschke nach einem Entwurf von Kurt Nowak. 1939 eröffnet, rd. 600 Plätze. Überstand den Krieg ohne weitere Schäden. 1949 (?) umgebaut - schwer nachzuvollziehen, warum; sowie 1957 (das wird möglicherweise die Umstellung auf CS gewesen sein). 1965 geschlossen, bald darauf zog ein Supermarkt ein. Etliche Jahre später wurde das Gebäude insgesamt abgerissen und dem Supermarkt eine größere Behausung spendiert.

 

Ich war zu dem Zeitpunkt, als es das Capitol gab, noch ein ziemlicher Knirps; die Filme, an die ich mich noch erinnern kann, waren "Die Reise im Ballon" (von Albert Lamorisse, 1960), die "West Side Story" (wird eher 1964 gewesen sein) und "Das war der Wilde Westen" (wohl auch 1964). Die letzte Vorstellung, in der ich saß, war eine Sonntags-Matinee-Vorstellung am letzten Spiel-Wochenende mit Adele Sandrock in "Die englische Heirat" (1934, aus dem Kirchner-Verleihstock; übrigens ein Film, der auch heute noch wahnsinnig unterhaltsam ist - so man ihn zu sehen bekommt :wink:).

 

Als ebenjener Knirps stand ich häufigst neben dem TL und fragte ihn alle möglichen Fragen zur Projektionstechnik - zu CS, zum Monoton (ich war schon in diesem Alter verdutzt, dass ich nichts Mehrkanaliges zu hören bekam), zu Cinerama. Merkwürdigerweise gab es nie das Angebot, mal den BWR zu besichtigen; da ging auf der Rückseite des Gebäudes eine Stahltreppe hoch, und da stand auch richtig dran: "Zum Bildwerferraum." Über diese Bezeichnung hat besagter Knirps mehrfach den Kopf geschüttelt. Den Vorführer sah man in den Pausen zwischen zwei Vorstellungen den Kopf zum Fenster raushängen, zigarettenrauchend; zusammen mit einer ausnehmend hübschen Assistentin, die ihm vermutlich die Filme umrollen und die Projektionskohlen zureichen durfte. Wie ich dieses Mädel beneidete!

 

In einem alten Fotoband habe ich ein einzelnes Foto vom Capitol Frohnau gefunden; darüber hinaus gibt es jedenfalls im Netz kaum Informationen. Auch die familieneigenen Fotoalben geben nichts her. Aber vielleicht findet noch irgendjemand etwas - oder kann sich an etwas erinnern?

 

capitolfrohnau002rev.jpg

 

Man spielte gerade "Ein toller Bursche" mit Clark Gable, der am 30. Dezember 1949 in die deutschen Kinos gekommen war. Das Bild dürfte also aus dem Jahre 1950 stammen. In der Vorankündigung (auf der linken Seite) "Menschen unter Haien" von Hans Hass, der am 29. November 1949 uraufgeführt wurde.

 

Für 1958 habe ich noch Folgendes gefunden:

 

Capitol-Filmtheater (F)

 

-Frohnau, Ludolfinger Platz 6, Tel: 409274, I: Helga Hedwig Hessel, Priv.-Anschr: -Grunewald, Douglasstr. 24, Gf: Klaus Oehlschlägel PI: 620, Best: Kamphöner, Hoch- u. Flachpolster, 7 Tg., 17 V., 1 Spätvorst., 1 Jgd.-Vorst., App: Askania AP XII, Verst: Telefunken, Lautspr: Telefunken, Bild- u. Tonsyst: CS1 KL, Gr.-Verh: 1:2,35

http://allekinos.pytalhost.com/kinowiki...er_.28F.29

 

Die AP XII kam erst 1950 auf den Markt; sie wird wohl mit der Umstellung auf CS eingebaut worden sein. Die technische Erstausstattung war also eine andere gewesen - vielleicht die Ernemann 7 b (?). (Im nahegelegenen Hermsdorf, dessen Palast-Lichtspiele sich immerhin bis 1977 hielten, standen zwei Ernemann 7 b rechts/links mit Bauer-Lampenhäusern. Nicht weit davon gab es noch das Lili - die Linden-Lichtspiele -, die 1964 schlossen; dort standen zwei Frieseke & Höpfner.)

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Update: Zum Zeitpunkt des Umbaus 1949 stand das Capitol noch unter französischer Verwaltung. Gut möglich, dass man damals jene Bühne eingebaut hat, deren Maße dann in den Kino-Adressbüchern mit 6 Metern Breite, 3 ½ Metern Höhe und 5 Metern Tiefe angegeben wurden. Zeitgenössische Quellen berichten in diesem Zusammenhang von einem umfangreichen Kulturprogramm, das im Capitol durchgeführt wurde.

 

Die technische Urspungsausstattung bestand, wie vermutet, aus der Ernemann VII B mit AEG-Verstärker und -Lautsprechern. Der Austausch gegen die AP XII erfolgte schon 1951/1952. Diese in Berlin gefertigte Maschine fand Eingang in die BWR's diverser größerer Filmtheater, u.a. der Adria-Filmbühne, des Colosseum in der Wiener Straße und des BBB-Filmpalasts. Da die AP XII nur als Rechtsmaschine erhältlich war, dürften in den frühen fünfziger Jahren jedenfalls zwei Vorführer beschäftigt gewesen sein. Gefahren wurde Reinkohle – wie wohl vorzugsweise in Berliner Bezirkskinos; Becklicht war vor allem etwas für die Uraufführungskinos am Kurfürstendamm.

 

Umbau auf CS dann 1957. Das mag vergleichsweise spät erscheinen, doch zeigt eine Durchsicht der Kino-Adressbücher, dass noch 1956 nur wenige Berliner Theater schon auf CS umgerüstet waren. Möglicherweise war ein entscheidender Hinderungsgrund die aufwendige Vierkanal-Technik. Nachdem klar war, dass CS künftig auch in Mono-Lichttonkopien ausgeliefert werden würde, mag dies die Durchsetzung von Scope in den Bezirkskinos deutlich beschleunigt haben. Desungeachtet wurden 1957 wohl auch ein neuer Verstärker sowie Lautsprecher von Telefunken eingebaut. (Die ominöse Angabe CS 1 KL bedeutet: Bildformat Scope, Ein-Kanal-Lichtton.)

 

Die Zahl der Sitzplätze verringerte sich im Laufe der Zeit. Für das Eröffnungsjahr 1939 waren 595 angegeben, ab dem Folgejahr (?) 645. Diese Zahl sank beständig, ohne dass sie mit einem der Umbauten in Verbindung zu bringen gewesen wäre. Im Jahr der Schließung war man wieder bei 594 angekommen.

 

Was wüsste ich jetzt gerne noch? Erstmal, ob jemand noch weitere Fotos hat. Dann, wie breit die Bildwand bei CS war; als kid hat man dafür ja kein Gefühl. Ich gehe mal davon aus, dass sie nach dem Umbau breiter war als die ursprünglichen 6 Meter der Bühne; aber wahrscheinlich wird sie acht, neun Meter kaum überschritten haben – man projizierte im Übrigen ja auch weiter mit Reinkohle. Tja, die Bildwände waren schon verdammt klein in jenen alten Tagen. (Wahrscheinlich wird man die Frage der Bildbreite nur anhand der alten Bauakten beurteilen könne.)

 

Abschlussfrage: Was wohl aus der hübschen Vorführer-Gehilfin geworden sein mag?

 

http://www.morgenpost.de/berlin/article...-sich.html

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Weitere interessante Informationen über das CAPITOL FROHNAU in der Schrift von Klaus Schlickeiser, Kinos im Bezirk Reinickendorf von Berlin, herausgegeben vom Förderkreis für Bildung, Kultur und internationale Beziehungen Reinickendorf e.V., Berlin 2013. Kostet 10 Euro (plus Versand). ISBN 3-927611-36-8 (für Bestellungen über den Buchhandel).

 

Direktbezug über buchbestellung@fk-reinickendorf.de

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