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  1. Du hast natürlich mit allem völlig recht - aber obwohl es abzusehen war, ist das enorm gute Ergebnis für "Vaterland" hochinteressant, da es symptomatisch für größere Entwicklungen ist: Neue Visionen hatte auch früher immer erfolgreiche Sommerfilme. Früher waren das aber Filme wie "Monsieur Claude", also französische Komödien von künstlerisch eher mittlerer Güte. Jetzt haben sie mit "In die Sonne schauen" und "Vaterland" zweimal einen anspruchsvollen Film an einem Starttermin zum Erfolg gebracht, der früher für so einen Film eher nicht gewählt worden wäre. Generell sehe ich eine enorme Verschiebung der jahreszeitlichen Effekte. Die Unterschiede zwischen den Monaten flachen sich erheblich ab. Das hat bei uns so richtig mit Barbenheimer begonnen und hat sich seitdem erhalten: Das traditionelle Arthouse-Publikum hat gelernt, dass man auch im Sommer ins Kino gehen kann. Dabei sind bei uns insbesondere die frühen Vorstellungen viel besser besucht als früher: vor einigen Jahren war die 17-Uhr-Schiene im August fast tot. Ich führe das insbesondere darauf zurück, dass auch das ältere Publikum verstanden hat, dass Klimaanlagen nichts Böses sind ... Bei uns gibt es immer noch ein kleines Sommerloch von Ende Juni bis Mitte August (also bis zum Anfang der Sommerferien). Der Herbst-Boom beginnt aber nicht mehr wie früher Mitte September, sondern vier Wochen früher. Ich rede implizit auch über "Spaziergang nach Syrakus" - "Vaterland" ist ja schon der zweite Film immerhin weniger Wochen, der bei dezidiert älterem Zielpublikum im Sommer sehr gut läuft. Bei Vaterland hätte ich auch drauf gewettet, bei Syrakus niemals. Dass diese Filme von Pandora und Neue Visionen rausgebracht wurden, ist kein Zufall - diese Verleiher machen (neben einigen anderen) einfach gute Arbeit. Ein Film wie Vaterland hätte auch früher immer gut funktioniert. Neu ist aber die Dynamik. Wir hatten sowohl eine ausverkaufte Cineville-Preview als auch schon am Donnerstag in der HV fast volles Haus. Früher hätte so ein Film eine viel flachere Anlaufkurve gehabt und insbesondere am Donnerstag weit weniger Besucher. Generell haben wir die Pandemie nicht nur überwunden, sondern weitaus bessere Zahlen als vorher - bei uns ist das Niveau inzwischen fast 25 Prozent über dem bisherigen Rekordjahr 2019. Das hat m.E. andere Gründe als der aktuelle Boom im Gesamtmarkt (da unser Erfolg viel weniger an einzelnen Titeln wie "Spider Man" oder "Die Odyssee" hängt). Ich spekuliere bzw. hoffe, dass unser Boom nachhaltiger ist.
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  2. (Oberlehrer-Gestus ON) Sicher: Dass „Vaterland“ von Pavel Pawlikowski in Deutschland so erfolgreich gestartet ist, hat auch mit dem richtigen Gespür von Torsten und Neue Visionen zu tun. Einen solchen Film überzeugend ins Kino zu bringen, ist schließlich alles andere als selbstverständlich. Aber den Erfolg vor allem dem Verleiher zuzuschreiben, greift meines Erachtens zu kurz. Denn Torsten hat nicht Thomas Mann erfunden. Thomas Mann verfügt in Deutschland über einen Bekanntheitsgrad und eine kulturelle Verankerung, von denen die meisten Autoren nur träumen können. Und dass sich dieses Interesse auch in den Kinos niederschlagen kann, ist keineswegs neu. Schon die Verfilmungen der fünfziger Jahre erreichten ein Millionenpublikum. „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von 1957 war ein großer Publikumserfolg; die beiden Teile der „Buddenbrooks“ von 1959 kamen zusammen sogar auf rund 16,5 Millionen Kinobesucher. Natürlich kann man die Kinolandschaft von 1959 nicht mit der von heute vergleichen. Aber die Größenordnung macht eines deutlich: Thomas Mann war schon damals nicht nur ein Autor für ein gebildetes Minderheitenpublikum. Seine Romane und Figuren hatten eine erstaunlich breite Resonanz. Und heute kommt noch etwas hinzu: Das Interesse gilt längst nicht mehr nur dem Schriftsteller, sondern auch dem Menschen Thomas Mann – seiner Familie, seinem Exil, seiner Homosexualität, seinen politischen Positionen und seiner komplizierten Beziehung zu Deutschland. Torsten hat also möglicherweise sehr viel richtig gemacht. Aber er konnte dabei auf etwas zurückgreifen, das ihm bereits gegeben war: auf einen Namen, der in Deutschland seit Generationen bekannt ist und bis heute Neugier weckt. Kurz gesagt: Torsten hat es mal wieder geschafft – aber Thomas Mann hat ihm dabei kräftig geholfen. (Oberlehrer-Gestus OFF)
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