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NEULICH IM KINO !!! (Aus der ZEIT)


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Quelle: DIE ZEIT

 

07/2003

 

 

FILMUNREIF

 

Dann bleibt doch zu Hause!

 

In den Kinosälen ist der Filmfreund des Filmfreundes ärgster Feind. Eine Typologie der Filmspaßverderber anlässlich der 53. Berlinale Von Ralph Geisenhanslüke

 

Von Ralph Geisenhanslüke

 

Selten ist der moderne Mensch dem anderen so nah wie im Kino. Selten wünscht er sich so intensiv, er wäre dem anderen nie begegnet. Während der Film alle technischen Möglichkeiten aufbietet, eine farbigere Welt zu zeigen, soll die graue Realität draußen bleiben. Tut sie aber nicht. Die Realität sitzt eine Reihe weiter. Dort wird geredet, gelacht, geküsst. Dort knistert die Chipstüte. Während der eine in die Leinwand kriechen möchte, greift der andere ungerührt ins Popcorn. Im Kino wird der Nachbar zum Störfall. Eine Aufstellung der üblichen Verdächtigen:

 

 

DER PLATZKARTENSPIESSER: Hat eigentlich alles richtig gemacht. Schon um 18 Uhr die Karte für die 20-Uhr-Vorstellung gekauft, natürlich an einem Kinotag in einem Multiplex. Das ist billiger. Dabei an der Kasse gefragt, wie lang der Werbeblock ist. Nach Beratung mit der freundlichen Servicekraft die wirklich schönsten Plätze ausgesucht. Stolz wie ein Frühbucher, der schon zwei Monate vor Abflug weiß, dass er 40 Minuten nach dem Start eine vegetarische Mahlzeit bekommen wird. Alles geregelt. Dann noch einkaufen oder essen gegangen. Nun betritt er exakt zu Beginn des Hauptfilms, vielleicht mit Einkaufstüten, weil die Zeit nicht reichte, die Sachen zum Wagen zu bringen, in den Saal und trifft in Reihe 10, auf Platz 26, auf seinen natürlichen Feind: den Platzkarten-Anarchisten.

 

Der Platzkarten-Anarchist hat sich den Sessel schon warm gesessen und betrachtet ihn spätestens ab Erscheinen des Produktionsfirmenlogos als seinen angestammten Erlebnisraum. Der Platzkartenspießer nähert sich mit gesenkter Stimme. (»Entschuldigen Sie…«). Der Anarchist reagiert zunächst einsilbig, verweist auf andere freie Plätze und macht keine Anstalten, sich zu erheben. Während die ersten Szenen des Films zu sehen sind, entwickelt sich ein erst geflüsterter, dann lauterer (»Oh, Mann, was soll das denn jetzt…?«) Disput, in den bald auch Unbeteiligte eingreifen und nach dessen Ende etwa 100 Zuschauer in den Genuss kommen, gebeugte Gestalten unter gebrummten Verwünschungen durch das Bild laufen zu sehen. Will der Platzkarten-Anarchist daraufhin selbst seinen vorgesehenen Platz in Anspruch nehmen, entsteht eine so genannte Multiplex-Polonaise.

 

 

DER MITTE-SITZER: Der halbe Saal ist leer, aber in der Mitte hocken alle aufeinander, das Bild erinnert an ein Diagramm aus einer Statistikvorlesung. Nicht nur in der Politik wollen alle in die Mitte. Auch im Kino hält sich, trotz tennisplatzgroßer Leinwand und Dolby 12.1, der Glaube, die wahre Bestimmung eines Cineasten sei es, dass er seine Mitte finde, um von Bild und Ton stärkstmöglich überwältigt zu werden. Die vorderen Reihen gehören den Kurzsichtigen, die selbst im Dunkeln zu eitel für eine Brille sind, die hinteren Paaren in der Anbahnungsphase. Mitte-Sitzer in Personalunion mit den berüchtigten Schuhausziehern überschreiten schnell den schmalen Grat der allgemeinen Duldung.

 

 

DER SITZRIESE: Positioniert sich grundsätzlich genau vor dem Mitte-Sitzer und hält sich bei 2,02 Meter Körpergröße kerzengerade. Trägt zusätzlich hoch gegelte Frisuren oder Kopfbedeckungen, die ihn als Mitglied einer Jugendbewegung ausweisen. Meist gutmütig. Nimmt auf Bitte seiner Mitmenschen eine halb liegende, für ihn anatomisch ungünstige Haltung ein und leidet still. Kann dauerhaft nur in steilen Ranglagen überleben. In Off-Kinos wird der Sitzriese zum Vorbeuger. Dann spürt der Vordermann seinen Atem im Nacken, weiß aber: Das ist immer noch besser, als den Sitzriesen vor sich zu haben.

 

 

DER GOURMAND: Alfred Hitchcock sagte: »Für mich ist Kino nicht ein Stück Leben, sondern ein Stück Kuchen.« Nichts tun Menschen im Kino so gern wie essen, offenbar eine Instinkthandlung: Der Kavalier alter Schule spendiert Süßigkeiten, weil er glaubt, Frauen möchten in der Dunkelheit versorgt werden. Der gemeine Vielfraß mit seinem Zweilitereimer Cola fürchtet vielleicht, draußen bräche der Krieg aus.

 

Akustisch und olfaktorisch ist der Gourmand leicht zu orten. Gegen Ende der Vorstellung sieht sein Platz aus wie der Tiergarten nach der Love Parade. Aber nicht nur deshalb sind seine Gewohnheiten mittlerweile so gut erforscht, dass die Filmförderungsanstalt genau sagen kann, welche Filme den Appetit besonders anregen (Tabellenführer im Jahr 2001: Harry Potter).

 

Der Gourmand hält das Kino am Leben. So sehr ist die Kalkulation der Kinobetreiber während des Multiplex-Booms der Neunziger in Schieflage geraten. Die Hälfte des Netto-Eintrittspreises geht an den Verleiher, die andere Hälfte für Werbung, Miete, Heizung und Personal drauf. Daher gilt die aus den USA stammende Faustregel nun auch bei uns: Der Gewinn am Ende des Jahres entspricht in etwa dem Gewinn aus dem Popcorn-Geschäft.

 

Popcorn ist synonym für Fast-Food-Kino. Goldbraun angeleuchtet, liegt es in der Vitrine. Der Geruch zieht durchs Foyer. Beim Verzehr mit offenem Mund produziert das Fett-Stärke-Luft-Gemisch überraschende Surround-Effekte, die leise Dialogstellen überlagern. Wenn dann, wie kürzlich in Berlin geschehen, der Film (Herr der Ringe) auch noch unterbrochen wird, weil der Betreiber noch etwas Eis losschlagen möchte, kann es passieren, dass die Verkäufer nur knapp dem Volkszorn entgegen.

 

Natürlich sind Gourmands immer die anderen. Dabei lassen nachweislich nur ein Viertel der Kinobesucher den Fressstand links liegen. Bislang jedenfalls. Infolge drastisch gestiegener Genussmittelpreise macht sich neuerdings im Kino eine Picknickmentalität breit. Oft hört man das Zischen von mitgebrachten Getränkedosen oder das Ploppen von Weinkorken. Wenn der Gourmand zum Selbstversorger wird, werden die Kinobetreiber wohl neu kalkulieren müssen.

 

DER SITZFLÜCHTER: Obwohl es Gerüchte gibt, wonach manche Vorführer 25 statt 24 Bilder pro Sekunde zeigen, um schneller fertig zu werden – die Zeit kann sehr lang werden. Manche Unterart des Gourmands fühlt sich da permanent von Auszehrung bedroht.

 

Auch Menschen mit schwacher Blase verfallen schon eine halbe Stunde nach Beginn in Duldungsstarre. Die Bilder rauschen an ihnen vorbei. Sie warten eine möglichst spannungsarme Stelle ab, um Erleichterung zu suchen. Der erste Sitzflüchter löst häufig eine kleine Migrationswelle aus, der sich auch engagierte Raucher anschließen. Erfahrene Sitzflüchter platzieren sich gleich am Rand, unerfahrene kehren häufig mit einem zweiten Bier zum Platz zurück. Sie sind für den Rest der Vorstellung Sklaven ihres Stoffwechsels. Das oft verfemte Klingeln von Mobiltelefonen und die darauf folgende Reaktionskette – Rausrennen (»Ja, bin im Kino«), Türöffnen, starker Lichteinfall – ist aufgrund der massiven Bausubstanz moderner Zelluloidcenter (schwaches Mobilfunksignal, Lichtschleusen) nur noch selten zu beobachten.

 

 

DER WEINER: Kaum ein Zitat wurde von Filmkritikern so zuschanden geritten wie Kafkas »Im Kino gewesen. Geweint.« Nach landläufiger Meinung und einem weiteren geflügelten Wort des Filmtheoretikers Siegfried Kracauer sind es »die kleinen Ladenmädchen«, die da die Schleusen ihrer vermeintlich kleinen Seelen öffnen. Stimmt nicht. Nach aktuellen Umfragen sind fast die Hälfte der Zuschauer bekennende Flenner – ein Drittel davon Männer. Manche besuchen sogar vorsätzlich so genannte Taschentuchfilme.

 

Im Sturm und Drang hielt man Weinen für einen Ausweis besseren Menschentums. Heute gilt es als Reinigungsritual der Seele. Kommt der Weiner also ins Kino, um ein psychohygienisches Grundbedürfnis zu stillen? Kulturpessimisten sagen: Wir füllen im Kino unsere innere Leere mit fremden Geschichten, weil das eigene Leben so wenig Anlass zu Gefühlsausbrüchen bietet. Normalerweise ringen die Weinenden bis zum Letzten, ehe sie genussvoll kapitulieren. Bei Klassikern wie Der englische Patient oder Schlaflos in Seattle ist aber häufig schon verhaltenes Schnäuzen zu hören, ehe in der Schlüsselszene die Geigen einsetzen. Im Dunkeln sieht’s ja keiner.

 

 

DER ABLACHER: Etwa zweimal pro Jahr gehen Deutsche, statistisch gesehen, ins Kino (Amerikaner fünfmal, Isländer, an Dunkelheit gewöhnt, achtmal). Wenn sie sich also auf den Weg machen, dann wollen sie für ihr Geld auch Stimmung satt. Für den preisbewussten Ablacher beginnt darum der Spaß schon mit dem Werbeblock. Den Übergang zum Hauptfilm, wie beispielsweise dem neuen James Bond, empfindet er nicht nur wegen der gleichmäßigen Dichte des product placement als fließend. Ablacher bilden meist Gruppen. Er ist ein dankbarer Abnehmer für Trailer, die in zwei Minuten alle Brüller einer demnächst anlaufenden Komödie verbraten. Aufgrund seiner hohen Appetenz lacht er aber auch bei Landschaftsaufnahmen, Sexszenen oder Massakern. So läuft er nie Gefahr, einen Witz zu verpassen.

 

 

DIE KNUTSCHER: Für 36 Prozent der Frauen hierzulande gehört Händchenhalten im Kino dazu. Das hat Men’s Health herausgefunden. 14 Prozent, so das Fachorgan weiter, haben auch nichts dagegen, im Kino »zur Sache zu kommen«. Was damit gemeint ist, verschweigen die Autoren. Ältere Herren in Trenchcoats galten lange als besonders handgreifliche Zuschauer. Mit Einführung der Videothek aber kamen die so genannten Bahnhofskinos aus der Mode. Auch die so genannte Lover’s Lane gehört der Vergangenheit an: die letzte Reihe, in der sich alle Paare einfanden, die sich nur im Dunkeln trauten oder nicht wussten, wohin sonst. Heimatlose Liebende verdienen den Schutz der Gemeinschaft – sind aber heute im Kino kaum noch anzutreffen. Nur die Inhaber von Autokinos berichten, dass in lauen Sommernächten manche Wagen zu wippen beginnen wie in einer Siebziger-Jahre-Teeny-Komödie. Aber in Autokinos laufen meist auch Filme, die man ohnehin schon gesehen hat.

 

 

DER KOMMENTATOR: Ein Selbstdarsteller. Hält es nicht aus, tatenlos dazusitzen, während vorn der Bär tobt. Warum sollen nur die Lichtgestalten zeigen, was sie können? Er ist auch ein starker Typ. Und er will entdeckt werden. Die Klasse der Kommentatoren hat einen besonderen Artenreichtum hervorgebracht: Größte Verbreitung findet in unseren Gefilden der Nacherzähler. Er begreift Dinge nur, wenn er sie mit eigenen Worten wiedergeben kann. (»Höhö – bumm! Voll explodiert, der Kampfstern!«)

 

 

DER ÜBERSETZER: Häufig anzutreffen in Vorstellungen mit fremdsprachiger Originalversion – wo er seiner Begleiterin zum Beispiel die Feinheiten im Slang New Yorker Straßengangs nahe bringt. Gern beweist er, dass seine Auslandsaufenthalte nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind.

 

 

DER KENNER: Der Kenner sitzt in der synchronisierten Fassung und unterzieht diese einer kritischen Bewertung. Er kennt auch alle vorangegangenen Episoden von Star Wars auswendig oder verweist darauf, dass Ricks Krawatte in Casablanca beim Betreten des Basars anders geknotet ist als vorher. Sein naher Verwandter ist der Verrater. Er hat den Film schon fünfmal gesehen und lässt sein Umfeld uneigennützig an diesem Wissen teilhaben. Schlüsselsatz: »Oh, oh, gleich kommt das Monster!«

 

 

DER UM-RUHE-BITTER: Traditioneller Widersacher aller, die während der Vorstellung reden. Bohrt zunächst seinen Blick ins Dunkel, um Verbündete zu suchen, steigert sich über Räuspern und Hüsteln zur direkten Ansprache. Seine gezischelte Aufforderung, das Gespräch doch bitte draußen fortzusetzen, mündet bisweilen in heftige Wortwechsel. Bis jemand »Ruhe auf den billigen Plätzen!« fordert. Aber es gibt längst keine billigen Plätze mehr.

 

 

DER ABSPANNER: Will einen Film vom ersten Bild bis zum Abspann genießen wie einen großen Roman. Reagiert allergisch, wenn seine Reihe sich schon leert, während er noch ergriffen den Namen des Post-Production-Supervisors liest. Er ist selten aggressiv und äußert seinen Unmut meist durch Seufzen. Er bildet eine aussterbende Art, weil das ständige Streifen von Winterjacken an Hinterkopf und Nase und das Rempeln an den Knien ihn in seinem Revier bedroht.

 

 

DER NACHHER-DRÜBER-REDER: Ein verkappter Rezensent. Bewohnt normalerweise Godard-Reihen oder Fassbinder-Retros und muss seine Vorbehalte gegen »das Hollywood-Kino« laut äußern – für den Fall, dass ein Kommilitone ihn in einem entsprechenden Film sehen sollte. Während seine Begleiter noch Restfeuchte aus den Augenwinkeln wischen oder wenigstens so lange innehalten, bis die Netzhaut nicht mehr flimmert, holt er bereits Luft zum Hinterfragen. Der Nachher-drüber-Reder eröffnet das Gespräch meist mit einem harmlosen: »Gehen wir noch irgendwo was trinken?«, schießt dann aber sofort nach: »Und? Wie fandste’s?« Den Versuch einer Antwort übergeht er. Schon vor Erreichen der Tür trägt er eine umfassende Kritik vor (»irgendwie wie der Letzte von den Coen-Brüdern, aber anders«) und legt Regie- und Drehbuchschwächen bloß (»Bei Tarantino hätt’s das nicht gegeben!«). Sein hehres Ziel ist die Demaskierung der manipulativen Kulturindustrie. Er ist daher meis t nicht nur Film-, sondern auch Verschwörungstheoretiker und lässt erst ab, wenn er alles bis zur letzten Szene entzaubert hat. Wer sich etwas aus einem Film bewahren möchte, meidet die Nähe des Nachher-drüber- Reders oder behandelt ihn nach der Kaurismäki-Methode: lange ansehen und schweigen.

 

FUSSNOTE Der Dank für die besten Nebenrolle geht an: die Studierenden der Schauspielschule Berlin-Charlottenburg für ihre Darstellung der Kinobesucher.

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