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Simon Wyss

Bencini Comet 8 – außen hui, innen pfui

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598d4e2697c4c_AusBedienungsanleitung.thumb.JPG.f90b72733131e4f73b5b8c28fd26e7fc.JPGNew York, 1. Mai 1965, die Eastman-Kodak-Gesellschaft stellt ihr Super-8-Filmformat vor. MEANWHILE IN MILANO bereitet man sich bei der Firma Bencini auf den Bau einer neuen Doppel-8-Kamera vor. Von der Technik von Laufbildgeräten hat man keinen blassen Dunst, also kauft man bei der EKC eine Lizenz. Letztlich kommen auch viele Kodak-Geräte vom Engineering Laboratory an der North Rockwell Street, Chicago. Dort sind ein Haufen Erfahrung und vor allem der Überblick über das Vorhandene beisammen. 1966 beginnt Bencini mit dem Verkauf einer der letzten Doppel-8-Kameras, der Comet 8. Sehen wir sie uns an.

 

 

Mechanik

 

Der Geschwindigkeitsregler und das Schaltwerk sind mit dem Verschluß vereint. Während das Zusammenführen mehrerer Funktionen auf ein Bauteil Vereinfachung und Vergünstigung des Ganzen mit sich bringen kann, ist hier der Fehler begangen worden, einen ziemlich langsam laufenden Geschwindigkeitsregler zu verwirklichen. Die zwei Fliehkörper, bewegliche Arme des weißen Kunststoffstückes, reiben auf der Innenfläche des schwarzen Kunststoffringes. Wehe, wenn sich da etwas verzieht!

 

598d4eedf3bb9_KombinierterBremskrper-Verschluss.thumb.JPG.42d16f26f413fb73bb5a2bdd2f2ae7d3.JPGDer schwarze Bremsring der Regeleinrichtung ist weich elastisch. Es ist eine knapp brauchbare Gestaltung.

 

598d4f3ea4827_HinteresFrontteilundBremsring.thumb.JPG.3944a76ca7bbfc2bb7bd54bda0c99411.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Comet 8 besitzt wie einige andere Surrsurr eine  Umlagerungsfeder. Die meines Exemplares hat die Maße 21⅞‘ auf ½“ auf 0.007“ (6650 × 12,7 × 0,178 mm), in jeder Hinsicht zöllig, und zieht 616 Bilder durch, 38½ Sekunden Laufzeit. Ich messe 32 Sekunden, woraus ich schließe, daß das Tempo anfänglich über 20 B./s ist. Der Lauf ist mehr schlecht als recht, kein Vergleich selbst mit der billigsten französischen Mühle. Brächte die Feder gleichbleibende Kraft, würde diese Anlage konstantes Tempo leisten. Eine Umlagerungsfeder muß aber von noch besserer Güte sein als eine gewöhnliche Spiralfeder, sonst passiert das, was man nicht brauchen kann, das Federwerk wird gegen Ende langsamer. Es ist nicht das Alter. Mit einer besseren Feder würde der Komet nicht abstürzen.

 

Am inneren Ende ist sie mit zwei rechteckigen Öffnungen versehen, die augenscheinlich keinen Zweck haben. Die Feder ist mit dem Haspelkern nicht verbunden. Der schiere Drall, den man ihr auf den letzten vier Zentimetern gegeben hat, bewirkt, daß sie sich von selbst einrollt. Einer der Flansche der Plastikhaspel ist innen kegelig ausgebildet. Die Haspel ist am Kern immer noch etwas breiter als die Feder. Die Kanten des gespaltenen Stahls sind roh, nicht überschliffen. Wie das zusammenspielt, begreife ich nicht.

 

Bencini-Feder.thumb.JPG.1755db0c30e9daebcc3d237eda404834.JPG

 

Auf der Feder gleitet die Nase eines angefederten Arms aus Stahlblech, an dem ein Stück oranges Plastik angenietet ist. Es schiebt sich gegen Ende des Federablaufs von unten ins Sucherblickfeld. Für eine federschonende Rolle hat es offenbar nicht gereicht.

 

Der Verschluß hat eine Öffnung entsprechend 130 Grad, ihr seht das aufgenietete Blech. Wie bei der SEM Véronic kürzere Belichtungszeit für eine Strand-Schnee-Sonne-Kamera. Gegenüber 170 Grad macht dies eine halbe Blende weniger Licht auf dem Film aus. Der Rätschengreifer setzt +1 ab. Er ist zwischen drei Kugeln gelagert und mit einem Stahlblatt angefedert, das ist ganz gerissen gemacht.

 

598d511d08d85_Verschlussmontiert.thumb.JPG.da2d87258a4f1d544dc5e3665c625d0a.JPG

 

Greifereinheit.thumb.JPG.e954412424aaa827e039f292f3c6331c.JPG598d51824cd0f_GreifereinheitvonderSeite.thumb.JPG.e41e09201a307d2e9b8f43b09fb07b68.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Getriebe besteht aus zwei Zahnrädern. Wenn man die Handgriffhalterung wegschraubt, steht das mit dem vorderen Federdorn auf einer Achse laufende 120-Zähne-Rad frei. Wenn das keine Einladung für den Einsatz eines Zusatzmotors ist! Ein Achtzähneritzel müßte 960 Umdrehungen pro Minute machen für 16 Bilder in der Sekunde. Oder eine für ein Einzelbild. Diese Funktion gibt es nicht. Handkurbelbetrieb wäre mit wenig Aufwand einzurichten. Auf Grund des minderwertigen Getriebes lohnt es nicht, die Feder zu verbessern. Die Zahnform ist auch nicht die beste. Bei einem Winkelgetriebe mit axialem Eingriff eines Rads sollten dessen Zähne Keil- oder Ballenform haben. Sie sind gerade. Das treibende Rad wird mit einer Blattfeder gegen das getriebene Ritzel gedrückt. Grausam.

 

598d51c4e9de6_BlickauftreibendesZahnrad.thumb.JPG.4134c9bd5111051cc857ba902022300f.JPG

 

Auf dem Film gleitet ein verchromter gewölbter Fühlhebel, der mit der Mechanik der Meter-Fuß-Anzeige verbunden ist. Der Filmkanal ist starr, es gibt keine aktive seitliche Führung. Lichte Weite ist 16,06 mm. Weshalb auch die verchromte Andrückplatte ein Bildfenster aufweist, verstehe ich nicht. Im Gegensatz zur Eumig C 3 geht es optisch nach hinten nicht weiter, da stehen Blattfeder und Stützbolzen der Andrückeinheit. Man kann sich bloß denken, daß nichts reflektieren kann, wo nichts ist. Die Öffnung ist dimensioniert 3,51 auf 5,16 mm beim genormten Projektorbildfenster von 3,40 auf 4,55 mm. Geht. Die Spulenanordnung und damit die Gehäuseform sind wie bei Leicina, Canonet 8 und beim Filmmagazin von Jules Carpentier aus dem Jahre 1909. Niedriges Profil, große Bodenfläche, gute Stativauflage, schlanke Erscheinung

 

 

Optik

 

Das Objektiv ist ein vergüteter Vierlinser von 12,5 mm Brennweite. BLUESTAR. Was heißt schon BLUESTAR? Das Spezielle daran ist, daß es aus zwei unverkitteten Achromaten besteht, ein dialytisches System wie die Goerz-Celor und -Artar der Belle Epoque, oder das

 

598d521338aef_Bluestar12.5-1.9zerlegt.thumb.JPG.1ea4fcb7ea2b8c694ff8ebb22bcf991f.JPG

 

Animar f/1,9 von Bausch & Lomb, ein aufgelöster Aplanat. Die beiden negativen Linsen sind plankonkav geschliffen, die ebenen Flächen stehen zueinander, ein Abstandring dazwischen. Es handelt sich um nichts anderes als den Normal-Cine-Raptar von Wollensak.

 

598d526bbb06e_CineRaptarLensesfor8mmCamerasProspektseite.jpg.6b7514c1799de71912ea41155ae89ecf.jpg

 

Seine Bronzehülse ist außen mit dem metrischen ISO-Feingewinde III M13 versehen und mit einem quer angestellten Gewindestift in der Druckgußfront gesichert. Davor ist eine Schutzscheibe aus Glas angebracht. Die optische Achse liegt 1¼ Zoll, 31,75 mm, über dem Gehäuseboden.

 

 

Tuning

 

Damit sind wir beim interessantesten Teil angekommen. Ein derart solides Gehäuse hat kaum eine andere Herstellerin verwendet. Dieser Komet stürzt unbeschädigt ab. Die aufgeklebte Verbundabdeckung auf der rechten Seite konnte ich nicht ohne ihren Totalverlust wegnehmen. Sie muß weg, damit man an eine der vier Schrauben herankommt, die beide Gehäuseschalen zusammenhalten, hier ein Mal wohltuend richtig Messingschrauben. Man bekommt frische Zierdecken aber leicht wieder hin. Warum das Gehäuse nicht neu lackieren, blau wie eine Vespa 180 Grimstead Hurricane mit orangen Gegenakzenten?

 

Vespa-180-Super-Sport-bleue.jpg.d1a297e30ad92a69b5ae8881600a0916.jpgWeil da ein Gewinde im Frontteil ist, bietet sich eine simple Modernisierung und Aufwertung an. Durch Weglassen der vor dem Objektiv wirkenden Katzenaugenblende erhält man die Möglichkeit, einen Adapterring einzusetzen. Dieser kann ein D- oder auch ein C-Gewinde tragen. Eventuell fräst man noch den Umfassungswulst weg, um Wechselobjektive besser bedienen zu können. Der Abstand Film-Gewindewulst ist ¾“ (19,05 mm). Der Innendurchmesser im Frontteil ist 27 mm. Sofern man nicht eine neue Front mit kürzerer Auflage herstellt, geht es folglich um längere Brennweiten. Zurückgehen zur originalen Ausstattung bleibt jederzeit möglich, die Kunststoffteile sind einfach miteinander verschraubt, die Katzenaugenblende gesteckt.

 

Das vordere Frontteil ist mit dem hinteren verstiftet, mit Spiel. Hinter dem Stativgewinde hängen noch Späne in der Bohrung von der Fertigung. Die meisten Kunststoffteile tragen Gräte oder aufstehende Abrisse der Anspritzstellen.

 

Die Sucherparallaxe beträgt waagrecht 11/16“ oder gerundet 27 mm und senkrecht 13/16“ oder 30,16 mm. Man braucht sich also bloß noch einen Untersatz bauen, der die Kamera um diese Wege verlagert, und schon kann man den Bildausschnitt genau einhalten, bis zum Berühren der Objektivfrontlinse.

 

 

Im zukunftlosen Massenmarkt

 

Beim Zerlegen hatte ich plötzlich ein Déjà-vu. Die Schrauben gleichen jenen in der Kiew Alpha 16. Immer mehr vervollständigt sich bei mir die Vorstellung, wie der Technik-Transfer im Westen jeweils ablief, nämlich ohne Pläne, sondern mit Material, und zwar bis zu den Schrauben. Was anderes als montierbare Ware brauchen Lizenznehmer denn? Vermutlich gab es jeweils Vormodelle, unvollständige, um den Vertragspartner bei der Stange zu halten. Nach erfolgter Zahlung wurden sofort Gehäuse verschickt, alle Teile einschließlich der Zierbleche, die einander in der grafischen Gestaltung grundsätzlich stark ähneln. Das wäre auch ein Mal eine Betrachtung wert. 598d53e041872_AusderBencini-Bedienungsanleitung.JPG.cc0cdc672def01e71acbf22cf051f864.JPG

 

Bencini war mit den Fotoapparaten ab 1963, wie andere Hersteller auch, am Kodapak-System nicht vorbeigekommen. Eine Verbindung mit der amerikanischen Fotogeräte-industrie hat daher schon bestanden. So ergriff man die Flucht nach vorne mit einer weiteren Billigfilmkamera, als ob es die Kodak Brownie 8 und die japanischen Doppelachter nicht gäbe! Die Comet 8 kostete damals 18‘000 Lire, heutige € 174,86. Die Lizenz war bestimmt günstig zu haben. Der Kodak Brownie 8 mit Aufzugkurbel, aufgerechneter Preis $202.75, wurde von 1960 bis 1962 fabriziert.

 

Die Kunststoffteile müßten alle entfettet werden. Bencini hat die Dinger so richtig fürs schnelle Geld rausgehauen, man hieß die Arbeiterinnen für unbestimmte Zeit Fett hineinpinseln und alles wurde mit Phenolharzkleber verschlossen. Das eklig stinkende Zeug hält tierisch gut. Seriennummern gibt es nicht.

 

Man findet die Comet 8 meist auf italienischen Internetplätzen und Flohmärkten für wenig Geld. Meine ist von Rimini. Das Gefühl, eine moderne Filmkamera di fabbricazione italiana spazieren zu führen, wäre super, wenn sie nicht so lumpig liefe.

 

 

Die Bedienungsanleitung:

 

598d548a94af3_FrontispizBedienungsanleitung.thumb.JPG.f69aee41facf2f3b259fe0eef729dd5a.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Angabe der Jahrzahl: Donato Consonni

Convertitore storico lira-euro

https://www.facebook.com/groups/111177045591022/

https://www.leblogvespa.com/vespa/modeles/vespa-180-super-sport-1965/

Edited by Filmtechniker
Editor-Grösse und Darstellung stimmen nicht überein (see edit history)
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Kochen hin oder her … dem Urteil von Friedemann man ich nur zustimmen! :)

 

Wäre es nicht vielleicht interessant, das mal bei Filmkorn einzustellen ggf. als eigene Rubrik o.ä.? Viele Sachen findet man sonst ja nie wieder hier im Forum.

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Filmtechniker, Deine Postings zu diversen Kameras lese ich immer mit großem Interesse. Gut geschrieben, im Detail perfekt analysiert. Ein großes Danke & Kompliment an der Stelle.

Ein kleines Manko gibts aber immer: es erscheint mir immer so, als würde jemand versuchen einen Elefanten bildlich zu beschreiben, und dann nur mit einem Makroobjektiv Hautfalten und Häärchen ablichten - ohne jemals den kompletten Elefanten zu zeigen. Mit der der Konsequenz, mit der Du das durchziehst, wirkt es fast schon wie Spott - nachdem ich Dich mittlerweile etwas kenne, weiss ich natürlich, dass das nicht der Fall ist. Aber, wie sehen die Kameras denn nun aus, als Ganzes? Ich denke, die wenigsten kennen sie. Vom großen zum kleinen, oder vom kleinen zum großen - prinzipiell egal. Eine Übersicht wäre aber nicht schlecht - sonst ist es einfach nur ein Bildausschnitt-Rätsel.

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Du weist gerade auf das hin, wozu ich eigentlich anregen möchte, daß man selber ein wenig dazu tut.

Wenn man bencini comet 8 bei Google oder so eingibt und auf Bilder umschaltet, springen einem

die Ansichten nur so entgegen. Aber weil wir nun im faulen Monat Löwe sind, schiebe ich halt ein

Bildchen nach.

bencini-6j0ba.jpg

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Danke fürs Bild. Auch mir fehlten sie. Ich habe mich mit dem Minibildchen mit der Dame begnügt.

Von der Kamera gibt es scheins nur Bilder in Ebay-Auktionen. Das finde ich etwas nervig sich durch Ebay zu hangeln, bis man mal ein Bild vernünftig sieht. Speziell wenn man mobil den Bericht ließt. Auch werden die Ebay-Bilder nach einigen Monaten gelöscht.

Zu Kameras mit Sammlerstatus findet man immer auch gute Fotos in Online-Museen und Kamerasammlungen mit interessanten weiteren Informationen-aber nicht bei solchen Exoten wie dieser.

Edited by Theseus (see edit history)

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Jesses, an Tablets und Cellular phones habe ich nicht gedacht. Die Bilderhaltbarkeit bei eBay ist begrenzt, gebe ich zu.

Also, hier noch einige Ansichten.

 

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5996a53a27869_Comet8c.thumb.JPG.9c1d2cef52ab63520f8157d593beb851.JPG5996a5629f33b_Comet8b-Kopie.thumb.JPG.5d0367ef2b617f7aea06a219750a53cb.JPG

 

 

5996a57e6105e_Bencinif.5.thumb.JPG.f69873160c9dcc314c78d9470ef48407.JPG Die f. 5 ist aus der Bedienungsanleitung, der Handgriff ist abgenommen. Man kann die Abdeckung erkennen, die ich erwähnte. Ein Elektromotor würde da unten angesetzt werden, ähnlich wie bei der ARRIFLEX.

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Super! Absolut top:91_thumbsup:

 

Das sind die Bilder, die dem Bericht fehlten und wie die Filmfachansichten nicht im Netz zu finden sind.

Edited by Theseus (see edit history)

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Und ich dachte immer, Smartphones und Tablets machen das Leben leichter?

 

Nur so viel: die „Google-App“ auf meinem Rechner funktioniert recht gut und liefert Bilder en masse sogar zur Bencini Comet 8:15_yum:

Edited by filma (see edit history)

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