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Essigsyndrom: was tun ?


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Ich habe einen vom Essigsyndrom befallenen 16mm-Film, an dem ich sehr haenge: "Bremen - Portraet eines Stadtstaates", ca. 30min, sw aus Ende der 60er Jahre. Es handelt sich um eine Radio Bremen Produktion, die ueber das Netz von Inter Nationes weltweit von den Filmotheken der Goethe-Institute entleihbar war.

 

1) hat jemand eine gute Kopie dieses Films, oder andere Bremen-Filme, die er mir verkaufen wuerde ? Falls nicht:

 

2) was kann ich tun, um diesen Film zu retten ?

 

Die Problematik aeußert sich dergestalt: bei Oeffnen der Dose ist ein stechender Essiggeruch wahrnehmbar, der es notwenig macht, seit Kauf des Filmes vor ca. 4 Jahren, denselben stets in seiner Dose mit Klebeband außen herum versiegelt aufzubewahren (ansonsten riecht trotz geschlossener Dose nach kurzer Zeit der ganze Raum empfindlich danach).

Der Film ist darueberhinaus beschichtet, was den Prozeß des Essigsyndroms beschleunigt haben koennte. Nach einem Jahr in der versiegelten Dose, habe ich ihn in diesen Tagen wieder projizieren wollen und folgendes festgestellt: der Film ist feucht (die Feuchtigkeit kann nur aus dem Film selbst stammen) und alle seine Lagen kleben aneinander, was dazu gefuehrt hat, daß die Oberflaeche in alle Richtungen rauh ist und ein Muster wie Eiskristalle aufweist. Das Filmbild an sich ist jedoch noch voellig intakt (keine Schichtabloesungen).

Nach einer halben Stunde Projektion (der Film lief erstaunlicherweise durch), waren alle Transportrollen des Projektors mit weißen Salz-(?)Krusten bedeckt, was eine ungeplante, einstuendige Putzaktion nach sich zog.

 

Wenn das Essigsyndrom durch eine Uebersaeuerung des Films verursacht wird, koennte ich diesen dann nicht einfach in destilliertes Wasser einweichen ? Das wuerde die Saeure auswaschen und auch die Oberflaeche quellen und wieder glatt werden lassen, oder ? Oder muß ich erst die Beschichtung entfernen ? Aber wie ?

 

Wie sieht es mit Filmguard oder Vitafilm aus ?

 

Ich war mit dem Film auch bereits in einem hiesigen Kopierwerk, das meinte, jegliche Hilfe kaeme zu spaet. Durch deren Waschanlage wollten sie den Film nicht laufen lassen, da sie meinten, daß anschließend eine Totalreinigung der Maschine noetig waere.

 

Was kann ich nun selbst tun ? Wegwerfen kann ich den Film nicht und wenn ich keine andere Kopie davon oder etwas gleichwertiges bekomme, muß und will ich dieses schoene Stueck wieder herrichten !

 

Ich wuerde mich sehr ueber Tips freuen !

 

Danke im voraus und Gruß

 

Joerg

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Wenn ich da meine Erfahrung einbringen darf:

 

Das so genannte Essigsyndrom ist ein nicht aufhaltbarer Prozeß. Der chemische Zerfall ist autokatalytisch, ähnlich wie beim Nitrofilm, der allerdings hygroskopisch ist, d. h. in den Tropen geht Cellulosedi- und trinitrat schneller in die Binsen als in den Bergen.

 

Unsere „Filmkunst“ gibt es nicht mehr. Ich hatte mich gerade aufs Duplizieren solcher Patienten eingerichtet, als die Pleite kam. Es waren einfach zu wenig Aufträge. Ich hoffe, in ein paar Jahren neu anfangen zu können. Ich hatte zuletzt solche schwarzweiße Schmalfilme mit Essig und Schrumpfung bis 20 Promille im Kontakt dupliziert, auf Gigabitfilm 40, und von solchen Zwischennegativen frische Positive gezogen, die sehr nahe beim Ausgangsmaterial sind. Der Laie sieht keinen Unterschied.

 

Mein Rat: Das Kopierwerk des Vertrauens suchen, wobei konkrete technische Leistungen angeboten werden müssen. Das klingt etwa so: „Wir haben eine Schritt-Kontakt-Kopiereinrichtung, mit der wir soundsoviel Schrumpfung abfangen können. Die Filme werden soundso geführt und soundso positioniert. Wir garantieren vollflächig scharfe Übertragung des Bildes.“ So weit ich die Situation in Europa überblicke, war ich der einzige, der das sagen konnte. Grundsätzlich gute Filmtechniker findet man in Paris und in England, und zwar bei der Cinémathèque française bzw. beim John Paul Getty jr. Conservation Centre, Berkhamsted. Die Frage ist, ob man dort auch Aufträge annimmt. Dann ist da noch http://www.immagineritrovata.it/.

 

Wenn dich der Essiggestank stört, laß das Material offen ausgasen, was einige Tage dauert. Danach ist der Film lasch oder spröde. Vorführen verboten, sonst irreparable Schäden, die ein späteres Duplizieren schwer bzw. teuer machen. Das helle Pulver ist eingetrocknete Gelatine. Es gibt auch Rekristallisation des Substrates, das ist der so genannte Unterguß, die dünne Bindeschicht zwischen Träger und Bildschicht(en). Diese besteht aus speziell präparierter Gelatine, bei älteren Produkten, vornehmlich Kodak, aus Cellulosenitrat.

 

Bevor jedoch Aufwand zur Erhaltung einer Kopie betrieben wird, kann es sich lohnen nachzuforschen, ob das Original der Produktion erhalten ist. Knappe, aber freundliche Briefe wirken Wunder. Eventuell kommt eine frische Kopie günstiger als der Rettungsversuch beim todkranken Patienten.

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Um den Zerfallsprozess zu verlangsamen, kann man auch Molekular-Siebe von Kodak in die Dose packen. Die absorbieren die austretenden Gase, dadurch wird die Reaktion verlangsamt.

 

In den USA gibt es ein Mittel namens "Filmrenew", welches sehr gut sein soll, kenne ich aber selbst nicht.

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Vielen Dank fuer die ersten Tips !

 

Ich habe indessen 24 Stunden lang ca. 10cm des Films in normales Leitungswasser eingelegt und siehe da, welch Wunder: nach Trocknung ist der Film nicht nur voellig geruchsneutral geworden sondern auch nicht ausgetrocknet oder sproede. Also eine Verbesserung, mit einfachsten Mittel !

 

Soll ich nun den ganzen 300m-Wickel einen Tag lang in der Badewanne einweichen ?

 

Gruß

 

Jorg

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mhm schwierig...

 

Wenn dann nur mit aquadest, um unschöne Rückstände, durch Salze die im Leitungswasser enthalten sind auf dem Film zu vermeiden.

Das nächste Problem was ich sehe ist die Trocknung des Filmes, denn dieser muss ja frei an der Luft trocknen können. Wenn nicht können unschöne Wasserflecken zurück bleiben.

 

LG

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Filmrenew bringt schon eine Menge.

 

Das Material wird geschmeidigiger und Schrumpfungen bis zu einem gewissen Grad lassen sich damit beheben.

 

Filmrenew kann allerdings nur bei Lichttonkopien verwendet werden, da es die Magnettonspur und Trockenklebestellen löst.

 

Ein "Bad" über mehrere Wochen in einer verschlossenen Dose ist sinnreich bei altem Material. Das ganze sollte in jedem Fall draußen oder aber in einem luftdurchfluteten Raum passieren, da das Zeit nicht gesundheitsbewußt ist.

 

Wichtig ist das man den Film aus dem Bad schonend "trocknet", also z.B. mehrfach durch ein sauberes Microfasertuch (Bitte möglichst oft eine andere Fläche des Tuches verwenden und nicht mit zu hohem Druck arbeiten) umrollt. Wird der Film nicht richtig und fachmännisch getrocknet können Flecken bleiben.

 

Filmrenew reinigt den Film auch stark.

 

Anwendung von 8mm bis 35mm ist problemlos möglich.

 

Bei ganz großen Schrumpfungsprozessen den Film auf Bobby komplett über mehrere Monate/Jahre "baden".

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Vom großen Wasserbad würde ich abraten, zu groß ist das Risiko für die Emulsion.

 

Wenn sich das Material ohne Schichtablösung abrollen läßt, würde ich folgende Reihenfolge vorschlagen:

 

1. Film auf saubere Kunststoffspule wickeln, dabei bewußt lose aufwickeln. Auf keinen Fall Wickel straffziehen oder dergleichen.

 

2. Den lose gewickelten Film einige Wochen bei Frischluftzufuhr (Luftaustausch!) ausdünsten lassen, kann auch auf dem Dachboden oder im außenliegenden Hasenstall passieren.

 

3. Das Filmmaterial langsam auf dem Umroller reinigen, damit die "Eiskristalle" verschwinden. Gute Gelegenheit, Klebestellen und Perforation genau anzusehen und ggf. auszubessern.

 

4. Mit FilmRenew habe ich selbst keine Erfahrungen gemacht, aber viel Gutes von Sammlern gehört. Nicht empfehlen kann ich hierfür das sonst bewährte FilmGuard, es hilft allenfalls, verklebte Windungen zu lösen, aber zur Entfernung der "Kristalle" genügt auch Isopropanol (siehe Thread hierzu).

 

5. Den gereinigten und/oder mit FilmRenew behandelten Film mit der für die Filmlänge vorgeschriebenen Anzahl von Kodak Molekularsieben in verschlossener Dose (idealerweise im PE-Innenbeutel) lagern und einmal im Jahr kontrollieren.

 

Wie @Filmtechniker bereits schrieb, kann das Essigsyndrom nach heutigem Wissen nicht rückgängig gemacht werden. Sehr wohl aber kann man es stark bremsen und/oder die Kopie auf dem gegenwärtigen Stand erhalten. Eine weitere Methode (nach Reinigung und Eindosen mit Molekularsieben) ist tiefgekühlte Lagerung, da bei gesenkter Temperatur sämtliche chemischen Prozesse verlangsamt werden.

 

Auf jeden Fall getrennt von anderem Filmmaterial /egal, ob 8, 16, 35, 70mm oder Dias) lagern!

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Hallo,

Wenn der Inhalt des Filmes für dich wichtiger als das Format ist dann frag doch mal beim Bundesarchiv Filmachriv in Berlin nach.

 

Die können dir eventuel auch noch andere Adressen geben von anderen Archiven oder von Kopierwerken.

 

Bevor ich alte 16 mm Kopien mit Essigsyndrom entsorge Frage ich immer erst dort nach ob der Film vorhanden ist damit Kein Filmtitel vielleicht für immer verloren geht.

 

Wenn du großes Glück hast bekommst du vielleicht eine Kopie in 16mm oder sogar in 35mm.

 

Fürs Archiv werden alle Filme auf 35mm umkopiert.

 

Grüße an Alle von Penntacon ( Michael Penn )

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Vielen Dank fuer die Tips.

 

Fuer eine gruendliche Reinigung und Regenerierung, wenn ich es richtig verstanden habe, muß ich jetzt also

 

1) Film mit Isopropanol reinigen und anschließend

 

2) Film ein paar Monate in Vitafilm baden.

 

Richtig ?

 

Oder hat jemand eine "gesunde" Kopie meines Filmes zu verkaufen ? Dann kann ich mir die ganze Prozedur naemlich sparen.

 

Oder ich frage mal direkt beim Radio Bremen -Archiv ? Aber ich glaube, die haben ihre 16mm-Abteilung laengst entsorgt. Spaetestens sicherlich seit der vor einem Jahr erfolgten Zusammenlegung von Hoerfunk- und Fernsehstudios an einem einzigen Standort... :-(

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Oder ich frage mal direkt beim Radio Bremen -Archiv ? Aber ich glaube, die haben ihre 16mm-Abteilung laengst entsorgt. Spaetestens sicherlich seit der vor einem Jahr erfolgten Zusammenlegung von Hoerfunk- und Fernsehstudios an einem einzigen Standort... :-(

 

Dies würde ich auch vermuten. Vor ca. 10 Jahren fragte ich dort nach einer Kopie der ersten (!) Buten&Binnen-Sendung von 1981 ("Bremer Bürgerfunk"). Darin zu finden war ein umfangreicher Bericht über die Bremerhavener Straßenbahn. Vom Archiv hieß es nur:"Nicht auffindbar/nicht mehr vorhanden". Ich habe dann in der örtlichen Bildstelle ein altes U-Matic Tape gefunden und umkopiert.

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2) Film ein paar Monate in Vitafilm baden.

Wage nur ganz leise einzuwerfen: Von Vitafilm halte ich nun überhaupt nichts; was in diesem Forum vielleicht eine Einzelmeinung darstellt. Aber ich habe da eine einmalige Erfahrung mit einer lange in Vitafilm gebadeten (Technicolor-)Kopie - die war anschließend weich wie Watte, noch mehr verwölbt als zuvor und damit gänzlich unspielbar. Zumal, dass Vitafilm etwas gegen Essigsyndrom auszurichten vermag, behauptet zwar der amerikanische Hersteller, aber Leute, die etwas mehr von Chemie verstehen als ich, sagen mir, dass das gänzlich unplausibel sei. Was aber - im Sinne einer Zeitverzögerung - sehr gut wirkt, sind die oben von Silas Leachman erwähnten Kodak-Molekularsiebe. Und: Die Kopie nicht in Metalldosen/-spulen lagern.

 

In einem frühen Stadium lohnt es sich zudem, die Kopie mal genauer darauf zu untersuchen, ob denn alle Teile einer Rolle gleichmäßig befallen sind - was eher unwahrscheinlich ist. Eher ist es (nur) eine Kopierrolle - also bei alten Kopien ein halber Akt; wenn man den isoliert, kann man möglicherweise den ganzen Rest retten. Tut man das aber nicht, steckt der befallene Teil mit Sicherheit die gesamte Rolle an.

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Vielleicht war ich nicht deutlich genug: Das Essigsyndrom läßt sich nicht aufhalten, höchstens verlangsamen. Filmpräparate wie Vitafilm oder was auch immer sind von außen zugebrachte Chemikalien, die mit dem Bau des Filmträgers nichts zu tun haben. Was vor sich geht, ist der Zerfall der Kettenmoleküle, die den biegsamen Charakter des Plastiks ausmachen. Präparate können nur zwischen die Moleküle gelangen, nicht aber an ihre Stelle. So wie der langsame bis schnellere Zerfall aller Kunststoffe in ihrer Natur liegt, eben der Zerbrechlichkeit von Polymeren, Polykondensaten, Poly-wasauchimmer, kann man nur grundsätzlich besser haltbare Kunststoffe auswählen oder ganz von ihnen abrücken.

 

Unter den Kunststoffen haben die Polyester, für unsere Zwecke das PETP (Polyethylenterephthalat), die besten Eigenschaften.

 

Unter den Archivierungsmaterialien hat Glas die besten Eigenschaften. Ich denke seit Jahren an der besten Lösung für Filmbilder auf Glas herum. Die Idee fängt mit Scheibchen an, die etwa so aussehen wie die roten Blutkörperchen, in Rohren gestapelt.

 

Also, vergeßt Filmrenew und all das Zeug. Wenn es Film sein soll, gibt es nur vollflächige fotografische Übertragung auf Mikrofilm, sprich: Duplikat. Das kostet Geld, vermag dafür am meisten Inhalt zu erhalten. Andere plädieren für Abtastung.

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